Am 9. Juni findet zum zweiten Mal der österreichweite Hitzeaktionstag statt. Laut dem österreichischen Public-Health-Institut Gesundheit Österreich GmbH ist Hitze das größte klimabedingte Gesundheitsrisiko in Österreich. Die Belastung durch hohe Temperaturen nimmt spürbar zu. Auch in Tirol werden heutzutage deutlich mehr Hitzetage verzeichnet als noch in früheren Jahrzehnten. Die Folge sind unter anderem Trockenperioden und Starkwetterereignisse. Aber die Hitze hat auch gesundheitliche Auswirkungen: von Kreislaufstörungen über eine verringerte Schlafqualität und Leistungsfähigkeit bis hin zu einem merkbaren Anstieg der Übersterblichkeit während Hitzeperioden.
Trotzdem ist das Bewusstsein für wirksamen Hitzeschutz im Alltag noch gering. Neben klassischen Empfehlungen wie ausreichend trinken oder leichte Kleidung spielen auch unsere Gebäude eine zentrale Rolle. An heißen Tagen können sie uns wirksam vor Hitze schützen und sind damit ein entscheidender Faktor, um gut durch Hitzeperioden zu kommen.
„Schon mit einfachen Maßnahmen lässt sich die Überwärmung von Wohnungen und Büroräumlichkeiten deutlich reduzieren. Gleichzeitig gibt es langfristige Lösungen, die Gebäude auch ohne Klimaanlage fit für Hitzeperioden machen und die sowohl im Neubau als auch bei Sanierungen konsequent mitgedacht werden sollten“, erklärt Rupert Ebenbichler, Geschäftsführer der Energieagentur Tirol.
Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung
Sonnenschutz aktivieren
Außen liegende Beschattungen wie Rollläden, Raffstores oder Markisen sind besonders wirksam, da sie Sonnenstrahlen bereits vor dem Fenster abhalten und so ein Aufheizen des Innenraumes verhindern. Sie sollten tagsüber geschlossen sein. Eine automatisierte Steuerung ist dabei deutlich wirksamer als die manuelle Steuerung. Eine nachträgliche Aufrüstung auf einen elektrischen Sonnenschutz ist in den meisten Fällen möglich. Ein innen liegender Sonnenschutz, wie Plissees oder Verdunkelungsvorhänge, halten die Sonne zwar zum Teil ab, verhindern jedoch nicht das Aufheizen des Innenraumes und sind daher keine gleichwertige Alternative.
Zur richtigen Zeit lüften
Gelüftet werden sollte immer dann, wenn die Außenluft kühler ist als die Raumluft. In der Regel ist das am frühen Morgen oder in den Nachtstunden. Intensives Querlüften sorgt für einen schnellen Luftaustausch und hilft, die über einen längeren Zeitraum gespeicherte Hitze aus dem Gebäude abzuführen.
Fenster tagsüber geschlossen halten
Sobald die Außentemperatur steigt, sollten Fenster geschlossen bleiben. Denn warme Luft strömt immer dorthin, wo es kühler ist. Geschlossene Fenster verhindern daher, dass die Hitze in die Wohn- oder Büroräume strömt.
Wärmeeinträge im Inneren vermeiden
Elektrische Geräte, Beleuchtung oder Kochen erzeugen zusätzliche Wärme. Wer diese Quellen reduziert oder in die kühleren Tageszeiten verlegt, hält die Raumtemperatur spürbar niedriger. Energieeffiziente Geräte geben weniger Abwärme ab und sind daher auch in Bezug auf die Wärmeentwicklung zu empfehlen. Bei der Beleuchtung sind LED-Lampen die Option mit der geringsten Wärmeentwicklung.
Türen zwischen Räumen offenhalten
Durch geöffnete Türen kann sich die Temperatur zwischen den einzelnen Räumen ausgleichen. Warme Zimmer lassen sich so über kühlere Bereiche abkühlen.
Ventilatoren gezielt einsetzen
Ventilatoren senken zwar nicht die Raumtemperatur, sorgen aber durch Luftbewegung für ein angenehmeres Empfinden. In Kombination mit feuchten Tüchern oder einer Schale Eiswürfel kann die Temperatur über einen kurzen Zeitraum zwar tatsächlich verringert werden, allerdings steigt dadurch auch die Luftfeuchtigkeit. Ventilatoren sollten über längere Zeit nicht direkt auf den Körper gerichtet werden und eignen sich nur zur kurzfristigen Verbesserung der Temperaturwahrnehmung.
Verdunstungskälte nutzen
Zimmerpflanzen können durch ihre natürliche Verdunstung zur Abkühlung beitragen. Ein ähnlicher Effekt kann erzielt werden, wenn kalte, feuchte Tücher aufgehängt werden. Dabei ist jedoch stets darauf zu achten, die Luftfeuchtigkeit unter 55 Prozent zu halten, um ein feuchtes, schwüles Raumklima zu vermeiden, das als noch wärmer wahrgenommen wird.
Was darüber hinaus hilft: So werden Gebäude sommertauglich
So wirksam einfache Maßnahmen im Alltag sind – der größte Hebel liegt in der Bauweise. Wie gut ein Gebäude mit sommerlicher Hitze zurechtkommt, hängt davon ab, wie früh Hitzeschutz mitgedacht wird und wie gut Architektur, Bauphysik und Gebäudetechnik zusammenspielen.
„Das Ziel ist immer, Wärme möglichst gar nicht ins Gebäude zu lassen und vorhandene Kühlpotenziale optimal zu nutzen“, hält Florian Kathrein, Gebäudetechniker bei der Energieagentur Tirol, fest.
Folgende Maßnahmen sollten bereits in der Planung mitgedacht werden:
Fensterflächen richtig dimensionieren
Die Größe und Ausrichtung von Fenstern sind entscheidend für den Wärmeeintrag. Besonders kritisch sind Ost- und Westfassaden: Hier trifft die Sonne im Sommer flacher auf die Gebäudehülle und lässt sich baulich schwer abschirmen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Fensterfläche, Raumtiefe und Verschattung ist daher zentral.
Sonnenschutz gezielt einsetzen
Ein gut durchdachter Sonnenschutz ist neben der Gebäudeausrichtung die wichtigste Maßnahme gegen sommerliche Überhitzung. Am wirksamsten sind außen liegende Systeme wie Raffstores, Rollläden, Markisen oder bauliche Lösungen wie Dachüberstände und Balkone. Sie verhindern, dass Sonnenstrahlen direkt auf das Fensterglas treffen. Innen liegende Vorhänge oder Jalousien sind dagegen nur ergänzend sinnvoll, da die Wärme bereits im Raum ist.
Dämmung wirkt auch im Sommer
Eine gute Dämmung schützt nicht nur vor Kälte im Winter, sondern auch vor Hitze im Sommer. Sie verlangsamt das Eindringen von Wärme ins Gebäude und sorgt für stabilere Innenraumtemperaturen.
Speichermasse nutzen
Materialien wie Beton, Ziegel oder massive Holzkonstruktionen können Wärme aufnehmen, speichern und zeitversetzt wieder abgeben. Diese sogenannte Speichermasse wirkt wie ein Puffer: Temperaturspitzen werden gedämpft, Räume heizen sich langsamer auf und das Raumklima bleibt länger stabil. Wichtig ist, dass diese Bauteile direkten Kontakt zur Raumluft haben und die gespeicherte Wärme nachts wieder abgeführt werden kann – etwa durch gezielte Lüftung.
Bauteilaktivierung einsetzen
Eine Weiterentwicklung dieses Prinzips ist die Bauteilaktivierung. Dabei wird die Speichermasse von Decken oder Wänden gezielt genutzt, um Gebäude aktiv zu temperieren. Tagsüber nehmen massive Bauteile Wärme auf, nachts geben sie diese – unterstützt durch Kühlung – wieder ab. Besonders gut funktioniert das bei massiven Konstruktionen wie Stahlbetondecken. In leichter Bauweise ist die Wirkung geringer – hier braucht es zusätzliche Maßnahmen.
Free Cooling nutzen
Free Cooling nutzt natürliche Kältequellen wie kühle Nachtluft, Erdreich oder Grundwasser. Wärme wird dabei ohne klassische Klimaanlage aus dem Gebäude abgeführt. Nachtlüftung nutzt die kühleren Temperaturen in den frühen Morgenstunden. Erd- oder wasserbasierte Systeme liefern stabile Kühlleistung. Free Cooling eignet sich besonders gut zur Abdeckung der Grundlast – also für die kontinuierliche Temperierung über längere Zeiträume.
Aktive Kühlung gezielt einsetzen
Wenn natürliche Kühlung nicht mehr ausreicht, kommen technische Systeme zum Einsatz – etwa Klimageräte oder Wärmepumpen mit Kühlfunktion. Sie liefern zuverlässig auch bei sehr hohen Außentemperaturen die gewünschte Raumtemperatur. Allerdings sind sie energieintensiver und mit höherem Aufwand verbunden. Daher sollten sie gezielt dort eingesetzt werden, wo sie wirklich notwendig sind, wie zum Beispiel in Kranken- oder Pflegeeinrichtungen.
Begrünung und Umfeld mitdenken
Nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch sein Umfeld beeinflusst das Raumklima. Gründächer und Fassadenbegrünung kühlen durch Verdunstung und Beschattung. Bäume, Grünflächen, Wasserflächen und gute Durchlüftung im Umfeld – etwa durch Frischluftschneisen – helfen zusätzlich, die Hitzebelastung zu reduzieren.
Behaglichkeit ohne Klimaanlage
Die steigenden Temperaturen zeigen: Hitzeschutz wird zu einer zentralen Aufgabe der kommenden Jahre. Neben dem richtigen Verhalten im Alltag kommt es dabei vor allem auf technische und bauliche Lösungen an.
„Der größte Hebel liegt in der thermischen Sanierung. Viele denken dabei zuerst an den Winter. Tatsächlich wird durch den Klimawandel jedoch der Heizenergiebedarf sinken, während der Kühlbedarf steigt. Wer das frühzeitig mitdenkt, kann den Einsatz energieintensiver Kühlgeräte reduzieren und trotzdem dauerhaft behagliche Innenräume schaffen“, betont Rupert Ebenbichler, Geschäftsführer der Energieagentur Tirol. „In den allermeisten Fällen ist es in Tirol nach wie vor möglich, Hitze in Innenräumen ohne aktive Kühlung in den Griff zu bekommen.”